Mit Maria und Josef war es so:
- Matthäus 1, 16-24 und Lukas 2,1-5 -

Maria war mit Josef verlobt, lebte aber noch nicht mit ihm zusammen. Beide wohnten in Nazareth. Eines Tages erschien der Erzengel Gabriel und sprach zu Maria: „Sei gegrüßt, du Gesegnete, der Herr ist mit dir.“ Er kündigte ihr die Geburt eines Sohnes namens Jesus an – des Sohnes Gottes. Maria war verwundert, wie dies als Jungfrau möglich sein sollte. Gabriel erklärte: „Die Kraft des Höchsten wird dies bewirken.“ Mit den Worten „Mir geschehe nach dem Willen des Herrn“ vertraute Maria auf Gottes Führung und gab sich seinem Plan hin „Egal wohin, ich gehe mit Gott“

Sie zeigte sich auch Josef gegenüber verbunden und begab sich trotz der nahenden Geburt mit ihm auf die beschwerliche Reise nach Bethlehem. In Bethlehem angekommen, stießen Maria und Josef aufgrund der Volkszählung auf eine überfüllte Stadt, in der sie nicht willkommen waren. Als Fremde wurden sie mehrfach abgewiesen, weder Kälte noch Hunger öffneten ihnen Türen. Niemand wollte sie aufnehmen, niemand ihnen Schutz gewähren. Schließlich fanden sie Unterschlupf in einem Stall bei den Tieren.
Marias Haltung zu Josef blieb: „Egal wohin, Baby.“ Ihre Liebe und ihr Vertrauen waren unerschütterlich.

Und Josef?

Josef war Zimmermann: ein ehrenwerter Beruf mit einer angesehenen Reputation in Nazareth. Schnell konnte er diese verlieren, wenn Marias Schwangerschaft bekannt würde. Er überlegte, sich in aller Stille von ihr trennen, er wollte sie verlassen. Ja, er war mit ihr verlobt, aber er hatte keinen Anteil an der Schwangerschaft. Noch während er darüber nachdacht, wie er das bewerkstelligen könnte, erschien ihm im Traum ein Engel und sprach: „Josef, bleib bei Maria. Das Kind, das sie erwartet, ist der Sohn Gottes.“
Schließlich nahm Josef die Botschaft des Engels an und blieb bei Maria, ungeachtet aller Zweifel und Herausforderungen. Seine Worte und sein Handeln spiegelten seine Liebe wider: „Auch wenn das Kind nicht von mir ist: Egal wohin der Weg uns führt, Maria. Ich bleibe bei dir. Egal wohin, Baby.“

Aber die Geschichte geht noch weiter

Matthäus (2,13-14) berichtet von der dramatischen Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. König Herodes, bekannt als grausamer Herrscher, der seine Macht durch brutale Maßnahmen zu sichern versuchte, wurde von Angst und Wut getrieben, als er erfuhr, dass ein Kind geboren war, das einmal der „König der Juden“ sein würde. Daraufhin erließ er einen grausamen Befehl: Alle neugeborenen Jungen in Betlehem sollten getötet werden – ein furchtbares Blutvergießen, das die Menschen in Schrecken versetzte.

Doch Gott ließ durch einen Engel Josef in einem Traum warnen, dass Gefahr drohte, und mahnte ihn, sofort mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen, in ein fremdes Land.
Ägypten war damals ein Zufluchtsort für viele Verfolgte, für Asylsuchende, fern von Herodes’ Machtbereich, und bot Sicherheit inmitten der Bedrohung. So brach die Familie mit wenigen Habseligkeiten voller Angst und Sorge auf und verließ ihre Heimat, in der Hoffnung, irgendwo Schutz zu finden und das Leben, besonders das des Kindes, zu bewahren.
Erst nach Jahren und Herodes‘ Tod sollten sie zurückkehren.
„Egal wohin, Baby, du und ich, wir gehen zusammen“.

Jesu Flucht nach Ägypten – ein Spiegel für unsere Zeit

Jesu Familie wird zu einer „Flüchtlingsfamilie“ und macht deutlich, dass Flucht seit jeher zur menschlichen Erfahrung gehört. Die Geschichte weist auch auf das Schicksal von Millionen Menschen, die heute vor Krieg, Gewalt, Verfolgung oder Armut fliehen, hin.

Herodes’ Machtmissbrauch bedroht die Schwächsten, besonders Kinder sind in Krisen- und Kriegsregionen gefährdet. Dieses Muster wiederholt sich heute in Syrien, in der Ukraine, im Sudan, Afghanistan, Bangladesch und anderswo. Heute sind über 110 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – mehr als je zuvor in der Geschichte.

Das kann jeden treffen, zum Beispiel auch die Generation unserer Eltern oder Großeltern, die aus den ehemals deutschen Ostgebieten fliehen mussten. Viele von ihnen überlebten nicht im bitterkalten Winter 1944 und starben unterwegs vor Hunger und Kälte. Und die, die im „Westen“ ankamen, mussten sich als Migranten begreifen und zurechtfinden.

Herodes steht als Symbol für ein Herrschaftsmuster, das bis heute wirkt: Angst vor Machtverlust führt zu Gewalt gegen die Wehrlosen. Auch moderne Politik neigt dazu, Flucht als Bedrohung zu inszenieren, Angst zu instrumentalisieren – nicht selten, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Populistische Stimmen in Europa, Amerika und anderen Regionen nutzen Migration als Projektionsfläche für Ängste. Dabei geht es selten um reale Bedrohungen, sondern um symbolische Politik. Jesu Flucht macht deutlich: Wer Flucht kriminalisiert, der tut dies auf Kosten der Menschenrechte.

Menschen, die in Lagern aufwachsen, im Mittelmeer ertrinken oder in Kriegsgebieten traumatisiert werden, tragen die Last politischer Entscheidungen, für die sie nichts können.
Sie stranden in überfüllten Lagern auf Lesbos, leben in Containerdörfern oder werden von einem Asylverfahren ins nächste geschoben.

Weil es keine legalen Zuwanderungsmöglichkeiten gibt, sind die Flüchtlinge häufig auf teilweise skrupellose Schleuser- und Schlepperbanden angewiesen, die ihre «Kunden» mitunter in seeuntauglichen, überladenen Schiffen oder kleinen LKWs transportieren und damit Millionen „verdienen“. Regelmäßig kommt es deshalb zu Katastrophen. Die Statistik spricht von mehr als 30.000 toten oder vermissten Migranten im Mittelmeer seit 2014. Oder sie sterben unter unvorstellbarer Qual wie vor fast genau 10 Jahren, als 71 Menschen zusammengepfercht auf 13 qm Ladefläche in einem abgestellten, luftdicht verschlossenen Lkw in Parndorf (Österreich) gefunden wurden.                                     

Die Flucht nach Ägypten ist keine ferne Episode aus einer anderen Welt. Sie spiegelt unsere Gegenwart, sie fordert uns heraus. Ein zeitgemäßer Umgang mit dieser Geschichte bedeutet, sie nicht in den Bereich der Mythologie zu verbannen, sondern sie als Spiegel zu lesen: Wo begegnen wir heute Maria, Josef und dem Kind? Vielleicht in den Booten auf dem Mittelmeer, vielleicht in einem überfüllten Flüchtlingslager, vielleicht in der Nachbarschaft, wo eine geflüchtete Familie versucht, Fuß zu fassen.

Die Frage muss erlaubt sein: Welche Verantwortung trägt unsere Gesellschaft, um Kindern, um Verfolgten, um Asylsuchenden in Not Schutz und Zukunft zu geben?

Es ist möglich, politische Strukturen so zu gestalten, dass Schutz, Würde und Zukunft möglich bleiben.

„Menschen aus Seenot zu retten ist keine Frage für Debatten oder die Politik, es ist eine Verpflichtung seit Menschengedenken. Wir können diese Tragödie beenden, wenn wir den Mut und den Weitblick haben, über das nächste Boot hinauszublicken. Wir müssen einen langfristigen Ansatz der regionalen Zusammenarbeit finden, in deren Mittelpunkt das Leben und die Würde des Menschen stehen.“

Filippo Grandi, UN-Flüchtlingshochkommissar

Erwin Schaffer

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Weiterführende Lektüre:
Die Bibel: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift
Joachim Gauck: Erschütterungen, u.a. Seite 174, Siedler 2023
Thomas Piketty und Michael J. Sandel:  Die Kämpfe der Zukunft, u.a. Seite 135, C.H. Beck 2025
Igor Levit und Florian Zinnecker, Hauskonzert, u.a. Seite 288, Hanser 2021
Hendrik Cremer: Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen, u.a. S. 124, Piper 2025
Samantha Harvey: Umlaufbahnen, u.a. Seite 119, dtv 2023
Gerhart Baum: Besinnt euch!, u.a. Seite 23
Zygmunt Baumann: Die Angst vor den anderen, edition suhrkamp, 2016
Christiane Hoffmann: Alles, was wir nicht erinnern, C.H. Beck 2022