Matthias Grünewald: Isenheimer Altar (1512-1516) / Colmar
- Engelkonzert / Christi Menschwerdung -
                                                                                                                          

Das Kind als Hoffnungszeichen – Zwei Botschaften der Weihnachtszeit

„Brich an, du schönes Morgenlicht,
und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.“

Text: Johann Rist, 1641
Choral (Nr. 12) in Bachs Weihnachtsoratorium (2. Kantate)                                 

Die Weihnachtszeit führt uns eindrücklich vor Augen, dass selbst in Momenten von Dunkelheit und Unsicherheit ein Licht aufscheinen kann. Dieses Licht manifestiert sich in der Ankunft neuen Lebens, in der Geburt eines Kindes. Gerade das in der Nacht geborene Kind wird zum Symbol für Hoffnung, Trost und die Verheißung auf Frieden. Diese Bedeutung geht jedoch über das biblische Bild des Kindes in der Heiligen Nacht hinaus: Jedes neugeborene Kind trägt das Potenzial in sich, das Innere des Menschen zum Leuchten zu bringen. Es weckt Sehnsüchte und Träume und schenkt die Zuversicht, dass in der Zukunft „alles“ möglich ist. So steht jedes Kind für einen hoffnungsvollen Neuanfang und eröffnet die Möglichkeit tiefgreifender Veränderungen.

Und Veränderungen kommen auf uns zu, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Genau hier stellt sich die Frage, wie wir die Weihnachtsbotschaft und das Weihnachtsoratorium von Bach heute hören und deuten können. Dazu zwei Gedankengänge.


1.
Unsere ist Zeit durch politische Spannungen und die Präsenz von Persönlichkeiten wie Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping und anderen geprägt. In der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatte taucht insbesondere immer wieder der Name des aktuellen amerikanischen Präsidenten auf.

Donald Trump konnte sich im einflussreichsten Land der Erde, den Vereinigten Staaten von Amerika, durch seine messianisch zu nennende Selbstdarstellung an die Macht befördern, die ihn zudem eine herausragende Stellung im politischen Diskurs weltweit verschafft hat.

Trump inszeniert sich gerne selbst nicht nur als starker Führer, sondern als „Retter“ Amerikas und weiterhin der ganzen Welt. Ausdrücklich spricht er davon, Gegner zu einen, Frieden zu schaffen und darüber hinaus die Welt neu zu ordnen. Millionen von Menschen sehen das genauso. Seine Anhänger vergleichen ihn gelegentlich mit biblischen Figuren bis hin zu Jesus Christus, um seine Bedeutung zu unterstreichen und politisch motivierte Handlungen zu rechtfertigen.
Dabei stehen Trumps Vorgehensweisen in einem krassen Gegensatz zu den Werten, die an Weihnachten im Mittelpunkt stehen. Sein Handeln ist oftmals geprägt von Menschenverachtung, Egoismus und Brutalität.

Während er als Machthaber eine Politik verfolgt, die von Selbstinszenierung und Härte dominiert wird, widerspricht dieses Verhalten fundamental dem Ideal von Demut und Mitgefühl, dass uns die Weihnachtsbotschaft und das Bild des verletzlichen Kindes in der Krippe vermittelt. Es ist nicht das Bild eines mächtigen Herrschers, der lauthals das Heil für die Menschen verkündet. Wahre Größe und Hoffnung liegen hier im Unscheinbaren und vermeintlich Schwachen. Gerade in der Konfrontation mit Persönlichkeiten und Entwicklungen, die auf Spaltung und Rücksichtslosigkeit setzen, erinnert uns Weihnachten daran, wie wichtig es ist, Fürsorge und Mitmenschlichkeit walten zu lassen und auf die Möglichkeit friedlicher Veränderungen zu vertrauen.

Der Sohn Gottes wird in einem schlichten Stall geboren. In einer Krippe liegend, nimmt er das menschliche Leben in bescheidenen Verhältnissen an. Dieses Bild verdeutlicht auch, wie wichtig die Würde jedes Einzelnen ist – sie steht jedem Menschen zu, unabhängig von Herkunft oder gesellschaftlicher Stellung. Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum sagt dazu: „Die Putins und Xis, die Weidels und Höckes, die Trumps und Musks – sie alle wollen nichts wissen von der Menschenwürde. Sie ist ihnen gleichgültig, sogar hinderlich. Allein Geld und Machtgier treibt sie an. Sie haben kein Gewissen. Sie wollen das Recht des Stärkeren durchsetzen gegen die Stärke des Rechtes - und die Welt neu aufteilen. Das macht sie so gefährlich.“

Ein menschenverachtendes, auf Egoismus, Hass und Brutalität ausgerichtetes Handeln, steht dazu im krassen Gegensatz. Und eines ist gewiss, dieses Handeln wird die Zeit nicht überdauern.

Denn die Botschaft des Jesuskindes ist zeitlos. Hoffnung, Liebe und Mitmenschlichkeit werden weit über das Wirken und die Ära mächtiger Persönlichkeiten wie Trump und Putin hinaus Bestand haben. Während politische Machtverhältnisse sich ständig wandeln und Herrscher kommen und gehen, bleibt das Symbol des Jesuskindes als Quelle der Inspiration und des Trostes über Generationen hinweg erhalten. Seine Werte sind universell und überdauern die vergänglichen Strömungen der Weltpolitik. Wahre Größe liegt nicht in äußerem Glanz oder politischer Überlegenheit liegt, sondern in der Fähigkeit, sich für andere einzusetzen und auf Augenhöhe zu begegnen.

Indem wir diese Werte in unser eigenes Leben integrieren, tragen wir zu einer friedlicheren und gerechteren Gesellschaft bei.

Axel Hacke schreibt am Ende seines Buches „Wie fühlst du dich?“:
„Sehen wir nicht, dass die Verrottung aller Moral in der Politik der Populisten, der Exzess des Egoismus in der Welt der Superreichen, die Tatsache, dass an der Spitze einer Weltmacht eine goldene Null steht – dass dies alles in Wahrheit auch ein Zeichen dafür sein könnte, dass hier etwas ans Ende gekommen ist, auf eine Spitze getrieben, von der es nur bergab gehen kann?“ Und weiter: „Dass es unsere Aufgabe ist, uns Tag für Tag von unseren Träumen einer besseren Welt zu erzählen, im Großen wie im Kleinen? Dass die Menschen etwas Besseres verdienen als die Herrschaft der nur noch um ihr leeres Selbst kreisenden Ichlinge.“  

 

 
Das Vokalensemble Sinsheim und Karl Jenkins‘ „Peacemakers“ im April/Mai 2023 mit  
Pure Sound, Ittlingen und Chören des Hartmanni-Gymnasiums, Eppingen

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,    
rühmet, was heute der Höchste getan.
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an.“
(Eingangschor zum Weihnachtsoratorium)

2.
„Jauchzen und Fröhlichkeit“: Lässt sich das überhaupt guten Gewissens im Zusammenhang zur heutigen Aktualität singen und verkünden? Drohen nicht vielmehr Untergangs- und Angstszenarien unser Leben zu ersticken? Dabei steht die Klimakrise
als größte Herausforderung der heutigen Zeit obenan.
Extreme Wetterereignisse, ansteigende Meeresspiegel und schwindende Biodiversität verdeutlichen, dass unser Planet an seine Belastungsgrenzen stößt. Angesichts dieser bedrohlichen Entwicklungen fragen sich viele Menschen, insbesondere junge Menschen, ob es überhaupt noch Hoffnung gibt und die Erderwärmung in einem verträglichen Maß gehalten werden kann.

Tatsächlich hat der Mensch schon seit jeher die Ressourcen der Erde genutzt, wenn man so will Ausbeutung betrieben, um seine Existenz zu sichern und sich ein besseres Leben zu ermöglichen. Nun aber sind wir an einem Punkt angekommen, an dem all unsere Umweltprobleme zusammengenommen den Erhalt der Erde, wie wir sie kennen, bedrohen: Luftverschmutzung, Entwaldung, Nahrung, Erderwärmung, Arten, Plastik sind unter anderem die Punkte, die auf der abzuarbeitenden Agenda stehen.

Aber auch gerade hier ist der neugeborene Jesus ein Sinnbild der Hoffnung. Das Kind in der Krippe steht symbolisch für einen Neuanfang. Es ist eine Quelle der Inspiration, die uns ermutigt, trotz aller Herausforderungen an eine bessere Zukunft zu glauben und aktiv an ihrem Gelingen mitzuwirken. Und dieser Glaube ist berechtigter als viele meinen. Ja es gibt unbedingt Berechtigung zum Optimismus. Gemeint ist nicht der blinde Optimismus, sondern der, den der Wirtschaftswissenschaftler Paul Romer den vorbehaltlichen Optimismus nennt, in Abgrenzung zum selbstgefälligen. Seine Attribute sind Tatkraft und Inspiration. Es geht dabei um die Zuversicht, dass wir etwas tun können, um die Dinge zum Positiven zu wenden.

Die schottische Datenwissenschaftlerin Hannah Ritchie erwähnt in ihrem Buch „Hoffnung für Verzweifelte“ die Aktivistengruppe Letzte Generation und kritisiert ihre Art der Namensgebung. Vielmehr, so macht sie durch ihre Forschungsergebnisse und Argumentationen klar, sind wir die erste Generation, die die Chance hat, unsere Welt in einem bessern Zustand zurückzulassen, als wir sie vorgefunden haben. Sie spricht von der ersten Generation der Menschheitsgeschichte, die echte Nachhaltigkeit erreichen kann. Ein unglaublicher Gedanke, aber ein wunderbarer! Sie öffnet unseren Blickwinkel, zeigt uns die wissenschaftlichen Daten, belegt sie mit konkreten Beispielen, die beweisen, dass wir bereits viele Fortschritte gemacht haben. 

Die Luftverschmutzung ist in den allermeisten Ländern dramatisch zurückgegangen, erneuerbare Energien haben sich von den teuersten zu den günstigsten entwickelt, die Entwaldung (Stichwort Amazonasgebiet) hat ihren Höhepunkt bereits überschritten, und auch unsere Wälder sind dabei sich zu erholen, wenn auch in bescheidenem Maß, um nur einiges zu nennen. Ritchie betont, dass die Voraussetzung an die gelingende Anpassung des Klimawandels die Beseitigung der Armut der Menschen ist: eine ihrer erstaunlichsten und doch einleuchtenden Argumentationswege! Und sie zeigt Lösungslinien auf, die die genannten Problemfelder betreffen. Die unbedingte Dringlichkeit von Maßnahmen ist dabei klar und unumgänglich. Sich darum zu kümmern, ist Aufgabe jedes Einzelnen. Aber, so sagt sie, so gut wie das persönliche Engagement im Kleinen gemeint ist, so unerlässlich und tatsächlich entscheidend ist das Handeln und die Steuerung in der Politik. Wenn es dabei auch größere Schritte geben könnte, so ist doch deutlich zu sehen, dass der Wille da ist, unseren Planeten in die Nachhaltigkeit zu führen.

Stefan Klein erklärt in seinem Buch „Aufbruch“ das Phänomen der Lawine. „Veränderungen geschehen sprunghaft…Wenn sich genug Schnee angesammelt hat und eine kleine Menge ins Rutschen gerät, reißt sie benachbarte Schneemassen mit…bis schließlich ein ganzer Hang in Bewegung gerät: Das System ändert sein Verhalten schlagartig…Mit gesellschaftlichen Veränderungen verhält er sich genauso.“ Ein Beispiel für den schlagartigen Moment des Wandels mag hier der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 sein, herbeigeführt durch jahrelange, andauernde Bestrebungen der Menschen der ehemaligen DDR.

Noch einmal Gerhart Baum: Er beschwört in seinem Vermächtnis die Menschen und Staaten in Europa, zusammenzuhalten und die liberale Demokratie mit unseren Ideen und unserem stetigen Engagement zu bewahren. So können wir Geschichte schreiben. Auch die Geschichte des Fortbestands einer lebenswerten Erde, möchte ich hinzufügen.

Das Kind in der Krippe sagt: „Lasset das Zagen, verbannet die Klage“, besinnt euch auf das Gute und Hoffnungsvolle. Blickt mit Zuversicht in die Zukunft und öffnet das Herz für die Freude. Mein Licht scheint noch klein, doch es wird heller und heller leuchten und für die Menschen eine Richtschnur ihres Handelns werden.

Erwin Schaffer

Literatur:
Stefan Klein, „Aufbruch“ (S. Fischer, 2025)
Hannah Ritchie, „Hoffnung für Verzweifelte“ (Piper, 2024)
Paul Romer, https://paulromer.net/conditional-optimism-technology-and-climate/ (2018)
Axel Hacke, „Wie fühlst du dich?“ (Dumont, 2025)
Gerhart Baum, „Besinnt euch!“ (Suhrkamp, 2025)